Stammzellen bei Herzschwäche – schlampige Studien zeigen größere Erfolge

Knochenmark-Stammzellen sollen Herzschwäche lindern, doch eine Analyse aller klinischen Studien deckte Hunderte von Unstimmigkeiten auf. Dabei zeigte sich ein beunruhigender Trend: Je mehr Fehler eine Studie aufwies, desto höher war der vermeldete Erfolg.

Letztes Jahr war es ein prominenter deutscher Stammzellforscher, jetzt gerät fast ein ganzes Feld ins Zwielicht. Schlampige Studien nähren die Befürchtung, dass sich die angeblichen Erfolge der Herztherapien bald in Luft auflösen könnten. Das wäre ein schwerer Schlag für die Stammzellforschung – der entstehende Vertrauensverlust käme einer schweren Hypothek gleich.

Mesenchymalen Stammzellen werden oftmals wundersame Eigenschaften zugeschrieben. Eigentlich für das Bindegewebe zuständig, entwickeln sie sich im Labor zu einer Vielzahl weiterer Zelltypen – darunter auch Herzzellen. Da sich mesenchymale Stammzellen zudem leicht aus Knochenmark aufreinigen lassen, scheinen sie wie geschaffen für die Behandlung von Herzkrankheiten. Hunderte klinische Studien haben sich auf dieses Thema gestürzt, und viele – wenn auch bei weitem nicht alle – konnten positive Ergebnisse verkünden.

Anfangs glaubten Forscher, dass sich die Stammzellen in das Herz einlagern und dort das Gewebe erneuern. Für diese These fehlt jedoch jeglicher Beweis. Wahrscheinlicher ist es, dass Stammzellen im geschädigten Gewebe Wachstumsfaktoren ausschütten und so die Heilung unterstützen (Forscher reden hier von einem parakrinen Effekt). Die bisherigen Therapieerfolge waren zwar begrenzt, aber scheinbar reproduzierbar. Sogar die angesehene Cochrane-Stiftung gab eine positive Bewertung ab, und auch kommerzielle Anbieter wittern bereits ein Geschäft.

Doch wie verlässlich sind die bisherigen Studien? Darrel Francis und seine Kollegen vom Imperial College in London – die im letzten Jahr den deutschen Herzforscher Bodo-Eckehard Strauer bloßgestellt hatten – schauten sich alle verfügbaren Studien genauer an. Und im Gegensatz zu anderen Metaanalysen, die einfach nur Daten zusammenfassten, überprüften die Londoner auch die Qualität der Arbeit: Design der Studie, Methodik und Auswertung wurden kritisch hinterfragt.

133 Berichte über 49 Studien kamen in die engere Wahl. Alle Studien mussten öffentlich zugänglich sein (Stichtag April 2013) und die Patienten mussten randomisiert in Kontroll- und Behandlungsgruppen aufgeteilt sein. Das Ergebnis der Metaanalyse war wenig erbaulich – mehr als 600 Unstimmigkeiten traten zu Tage.

Ein guter Teil davon waren statistische Unstimmigkeiten, etwa bei der Berechnung der Standardabweichung. Aber es wurden auch schon einmal fünf Patienten – aus einer Gruppe von sechs – als „100 %“ deklariert. Andere Fehler waren so haarsträubend, dass es fast schon komisch ist. Da gibt es weibliche Teilnehmer, die in späteren Berichten offenkundig ihr Geschlecht gewechselt haben. Oder verstorbene Patienten, die weiterhin Medikamente nehmen, über Beschwerden klagen und Untersuchungen über sich ergehen lassen.

Das könnte man als lässliche Fehler hinnehmen, wenn sich nicht ein erschreckender Trend abzeichnen würde. Eine einfache Korrelation verdeutlichte dies: die Anzahl der Fehler in einer Studie versus die Höhe des publizierten Effekts. Das Trend war eindeutig – je schlampiger die Studie, desto größer der Heilerfolg. Fünf Studien, bei denen kein Fehler nachweisbar war, sahen in der Summe auch keinerlei Heilerfolg. Die fünf Studien mit den meisten Unstimmigkeiten (mehr als 30!) verzeichneten hingegen durchweg sehr positive Effekte. Und die anderen Studien reihten sich zumeist in diesen Trend ein.

Um es klar zu sagen – Rückschlüsse über den Wahrheitsgehalt lassen derartige Korrelationen natürlich nicht zu. Nur weil eine Studie schlampig dokumentiert wurde, muss sie nicht falsch sein. Darüber hinaus sind Fehler überaus menschlich, und gerade bei großen Studien wohl kaum zu vermeiden (wenn es auch nicht gerade 30 sein müssen… ). Dennoch hinterlässt die Analyse von Francis und Kollegen ein sehr ungutes Gefühl – beruhen die Erfolge etwa nur auf Wunschdenken?

Im Moment laufen zwei große Phase III-Studien an, die hoffentlich eine endgültige Antwort auf die Wirksamkeit von Knochenmark-Stammzellen bei der Herztherapie geben werden. Sollten sich dabei die bisherigen Hoffnungen in Luft auflösen, wäre das ein schwerer Schlag: Auch gewissenhafte Forscher müssten gegen Misstrauen ankämpfen, zukünftige Erfolge würden grundsätzlich auf Skepsis stoßen. Schlampige Studien erweisen der Forschung einen Bärendienst – und verzögern im schlimmsten Fall die Entwicklung effizienter Therapien.

Quelle:
Nowbar et al. (2014). Discrepancies in autologous bone marrow stem cell trials and enhancement of ejection fraction (DAMASCENE): weighted regression and meta-analysis BMJ, 348 (apr28 1) DOI: 10.1136/bmj.g2688

Mehr dazu auf wissensschau.de:
Stammzelltherapie nach Herzinfarkt: nur teilweise erfolgreich

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