18. Jul 2013

Stammzellforscher unter Manipulationsverdacht – Schlagzeilen statt Fakten

Der Kardiologe Bodo-Eckehard Strauer hat als erster Stammzellen aus dem Knochenmark eingesetzt, um die Folgen eines Herzinfarktes zu behandeln. Seine angeblichen Erfolge verkündete er gerne auf Pressekonferenzen, die wissenschaftliche Publikation der Daten folgte erst später. Eine genaue Analyse von Strauers Studien hat jetzt eine Vielzahl von Ungereimtheiten an den Tag gebracht.

Für einen Wissenschaftler hatte Bodo-Eckehard Strauer eine erstaunliche Vorliebe für Pressekonferenzen. Statt zuerst die Fachwelt zu informieren, trommelte er etwa im August 2001 eine Schar von Journalisten zusammen und verkündete einen scheinbar bahnbrechenden Erfolg. Stammzellen aus dem Knochenmark eines 46-jährigen Infarkt-Patienten hätten „den Wiederaufbau der Herzwand vorangetrieben“ und die Herzleistung deutlich verbessert. Zeitungen und Strauer hatten ihre Schlagzeilen. Die Fachwelt hingegen reagierte wenig begeistert: Aus einem einzelnen Patienten derart weitreichende Schlussfolgerungen zu ziehen, das widersprach allen wissenschaftlichen Standards.

Sechs Jahre später wiederholte sich das Spiel. Diesmal war es ein Patient mit einem sogenannten kardiogenen Schock, der durch Knochenmarkzellen „vor dem sicheren Tod gerettet“ wurde. Eine Welt-Innovation, so erklärte es Strauer der Presse. Wieder hatte er seine Schlagzeilen, aber auch die Kritik der Kollegen wurde langsam schärfer.

Nun veröffentlichte das angesehene Fachjournal International Journal of Cardiology eine Analyse, die einer schallenden Ohrfeige für Strauer gleichkommt. Forscher um den Briten Darrel Francis stießen in Strauers Daten auf eine Vielzahl von Ungereimtheiten. In 48 wissenschaftlichen Publikationen hatte sich Strauer bemüht, den Kern seiner Behauptungen – adulte Knochenmark-Stammzellen heilen die Schäden eines Herzinfarkts – zu untermauern. Doch den Briten fiel auf, dass wahrscheinlich nur fünf klinischen Studien durchgeführt wurden. Diese wurden wohl mehrfach ausgewertet und in einer Form präsentiert, die den wahren Ursprung verschleierte.

Penibel listen die Briten mehr als 200 Widersprüche und Fehler auf. Der vielleicht gravierendste: Zwei separate Studien mit unterschiedlichen Patientenzahlen kommen zu Ergebnissen, die bis auf die Nachkommastellen identisch sind. De facto ein Ding der Unmöglichkeit. Sogar die entsprechende Abbildung wurde ohne jegliche Änderung von der einen Studie in die andere übernommen.

Zwar enthalten sich die Briten einer abschließenden Wertung, aber ihre Botschaft ist klar: In dieser Form sind Strauers Studien ohne wissenschaftlichen Wert. Diese Meinung wird von vielen anderen Experten geteilt. Zusätzlicher Ärger droht dem emeritierten Professor Strauer von seinem ehemaligen Arbeitgeber, der Universität Düsseldorf. Diese musste bereits Ende 2012 nach einer anonymen Anzeige ein Verfahren gegen Strauer einleiten – wegen möglichen wissenschaftlichen Fehlverhaltens.

War es nun Schlamperei, Manipulation oder absichtlicher Betrug – diese Frage wird sich vielleicht nie zufriedenstellend klären lassen. Tatsache ist, dass schon vor diesen Enthüllungen nur wenig von Strauers Thesen übrig geblieben war. Die angesehene Cochrane-Stifung, die rigoros die Wirksamkeit von Therapien überprüft, findet keinen Beweis dafür, dass die Behandlung von Herzinfarkt-Patienten mit Knochenmarkzellen das Leben verlängert. Und an eine direkte Umwandlung von Knochenmark- zu Herzzellen glaubt heute auch kaum jemand mehr.

Strauer steht jetzt erneut in den Schlagzeilen – und musste dafür noch nicht einmal eine Pressekonferenz einberufen. Er kommuniziert jetzt lieber über seine Anwälte und lässt verbreiten, die Vorwürfe seien „absurd“ und persönlichen Motiven geprägt.

Was die Zeitungen allerdings unter den Teppich kehren, ist ihre eigene Rolle in diesem Debakel. Nur zu willig haben sie sich vor Strauers Karren spannen lassen und die Botschaft der wundersamen Heilung weiter getragen. Die griffigen Schlagzeilen waren wohl zu verlockend. Wenn kritische Kollegen zu Wort kamen, klangen sie meist wie kleingeistige Nörgler, die dem tatkräftigen Visionär Strauer den Weg verbauen wollen. An die Tugenden des kritischen Journalismus erinnerten sich nur wenige Zeitungen.

Die Berichterstattung über aktuelle Forschungsthemen wandert auf einem schmalen Grat. Der Wissensvorsprung der hochspezialisierten Forscher ist so groß, dass ein Journalist deren Behauptungen kaum noch überprüfen kann. Und manchmal sind alle Beteiligten – Wissenschaftler und Journalisten – mehr an Schlagzeilen als an Fakten interessiert. Das Skandälchen um den letztlich unbedeutenden Forscher Bodo-Eckehard Strauer illustriert dieses Dilemma, einer Lösung werden wir deshalb aber wohl nicht näher kommen.

 

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