2. Mai 2020

Helfen Stammzelltherapien bei Covid-19?

An der Suche nach wirksamen Covid-19-Therapien beteiligen sich auch Stammzellforscher und -firmen. Ein gutes Dutzend Studien sind unterwegs, die Erfolgsaussichten scheinen aber eher gering.

Das Virus SARS-CoV-2 (gelb) auf der Oberfläche von Zellen (blau/violett) im Labor. Quelle: NIAID’s Rocky Mountain Laboratories

Die Infektionskrankheit Covid-19 löst schwere Entzündungen aus und tötet zahlreiche Gewebezellen. Manchen Stammzellen wird nachgesagt, dass sie Entzündungen lindern und Zellen vor dem Absterben bewahren können.

Sind also Stammzelltherapien ein Mittel gegen die Pandemie?

Schlechte Voraussetzungen

Was in der Theorie gut klingt, muss in der Praxis nicht unbedingt erfolgreich sein. Der renommierte Stammzellforscher Sean Morrison sieht hier zwei grundsätzliche Probleme:

  • Die Transplantation von mesenchymalen Stammzellen (MSC) wurde bereits bei einigen entzündlichen Erkrankungen getestet. Doch fast alle diese Versuche haben sich als Fehlschlag erwiesen.
  • Fast alle Stammzelltherapien, die jetzt gegen Covid-19 helfen sollen, waren ursprünglich für andere Erkrankungen gedacht. Doch wie soll ein Ansatz, der für die Krebstherapie gedacht war, plötzlich bei einer Virusinfektion helfen?

Die Ausgangslage gibt also nicht gerade Anlass zu überschwänglicher Hoffnung. Dennoch nutzt allein etwa ein Dutzend klinischer Studien MSC aus dem Nabelschnurblut, um den Gewebeschaden in der Lunge zu begrenzen. Und warum sollten sie auch nicht? Angesichts einer stetig wachsenden Pandemie ist es fast schon Pflicht, nach jedem Strohhalm zu greifen.

Mesenchymale Stammzellen gegen Covid-19

Eine der ersten Studien, die Erfolge zu verkünden glaubte, wurde in einer Klinik in Peking durchgeführt. Sieben Covid-19-Patienten erhielten eine Transplantation mit MSC, drei bildeten die Placebo-Kontrolle. Der Zustand aller MSC-Patienten verbesserten sich innerhalb weniger Tage, während einer der Placebo-Probanden verstarb.

In manchen Medien wurde dieser Versuch als Durchbruch gefeiert, doch Experten reagierten eher kritisch. Viel zu wenig Patienten, unklare Auswahlkriterien – die Aussagekraft tendiert letztlich gegen null. Ärzte an der Universität in Miami sahen dennoch einen Hoffnungsschimmer und wollen den Versuch mit zwölf weiteren Patienten wiederholen.

Andere Kliniken und Forschungsinstitute testen weitere Ansätze, wie eine Übersicht der Alliance of Regenerative Medicine zeigt. Acht Studien mit mesenchymalen Stammzellen sind dort aufgelistet, eine weitere nutzt andere Typen von Stammzellen. China ist prominent vertreten, neben der chinesischen Akademie der Wissenschaften engagieren sich auch Kliniken in Peking, Nanjing, Wuhan und Huangshi. Eine Studie findet im nordirischen Belfast statt.

Stammzelltherapien von Firmen

Und auch kleinere Biotech-Firmen nutzen natürlich die Chance, ihre Entwicklungen unter Covid-19-Bedingungen zu testen. Zu den bekannteren Namen gehören :

  • Pluristem hat bereits sechs Patienten in Israel behandelt, alle haben überlebt. Eine Placebo-Kontrolle gab es allerdings nicht. Die Stammzellen stammen aus der menschlichen Plazenta.
  • Capricor Therapeutics hat ebenfalls sechs Covid-19-Patienten behandelt, die alle überlebt haben. Auch hier fehlt eine Placebo-Kontrolle. Die Stammzellen stammen aus dem Herzen und waren ursprünglich für die Behandlung von Herzkrankheiten gedacht. Eine größere Studie scheint in Planung zu sein.
  • Athersys hat bereits Erfahrungen mit Lungenschäden, wie sie auch bei Covid-19 auftreten. Eingesetzt werden keine MSC, sondern Stammzellen aus dem Knochenmark. Etwa 400 Patienten in den USA sollen getestet werden.
  • Healios will fünf Covid-19-Patienten in eine laufende Studie für Lungenversagen einschließen. Getestet werden somatische Stammzellen, die von Athersys lizenziert wurden.
  • Mesoblast hat mit Prochymal (TemCell, Remestemcel-L) bereits ein zugelassenes Stammzellprodukt, das auch bereits an einer Lungenerkrankung getestet wurde. Eine mögliche Covid-19-Studie soll weltweit ablaufen, ist aber wohl noch in der Planungsphase.
  • Cynata entwickelt Stammzelltherapien, die von iPS-Zellen abgeleitet werden. Die Planungen für eine Covid-19-Studie sind noch in einem frühen Stadium.

Noch mehr Skepsis

Bevor die lange Liste möglicher Therapien jedoch übermäßige Hoffnung aufkeimen lässt, noch zwei skeptische Anmerkungen von Sean Morrison. So sollte man sich darüber klar sein, dass Stammzellen von fremden Spendern sich generell nicht lange im Körper halten – im Zuge einer überschießenden Covid-19-Infektion werden die Überlebenschancen noch deutlich geringer sein. Und selbst wenn die MSC das Immunsystem des Erkrankten beruhigen können, vielleicht ist das ja gar nicht hilfreich? Je nach Stadium der Infektion könnten dies auch die Situation verschlimmern.

Die Aussichten auf Erfolg sind also eher bescheiden. Doch angesichts der Pandemie kann man es den Stammzellforschern nicht verübeln, dass auch sie ihren Teil dazu beitragen wollen. Scheitern ist keine Schande, eine nur halbwegs wirksame Therapie wäre jedoch ein Gewinn für alle.

Sollte es tatsächlich Fortschritte geben, werde ich darüber berichten.

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