Vatikan fördert Stammzellen, die vermutlich nicht existieren

Eine ethisch einwandfreie Stammzelltherapie verspricht die Biotechnologie-Firma NeoStem, und der Vatikan unterstützt sie mit 1 Millionen US-Dollar. Die Geschäftsidee basiert auf der angeblichen Entdeckung von wandlungsfähigen Stammzellen im Knochenmark, welche embryonale Zellen weitgehend ersetzen sollten. Doch jüngste Studien von unabhängigen Forschergruppen finden keine Spur von diesen Stammzellen.

2006 machte der Forscher Marius Ratajczak eine scheinbar bahnbrechende Entdeckung: Kleine Stammzellen im Knochenmark von Erwachsenen, die so wandlungsfähig und vielseitig sind wie sonst nur embryonale Zellen. Seitdem arbeitet Ratajczak intensiv daran, diese very small embryonic-like cells (VSELs) getauften Zellen für die Stammzelltherapie zu nutzen. Die Vermarktung der Zellen übernimmt die amerikanische Firma Neostem – unter dem hochtrabenden Namen VSELTM Technology.

Dem Vatikan gefiel die Geschäftsidee. Eine Alternative zu den strikt abgelehnten embryonalen Stammzellen war höchst willkommen, und so flossen im Jahr 2010 eine Million US-Dollar aus einer katholischen Stiftung direkt an NeoStem – eine kommerzielle Partnerschaft, die ein Novum für die altehrwürdige Institution darstellt. Der Erfolg schien nicht auf sich warten zu lassen: In Polen hat eine erste klinische Studie begonnen, eine zweite soll bald in den USA folgen.

Doch nun publiziert die Gruppe des höchst angesehen Stammzellforschers Irving Weissman eine Untersuchung, die große Zweifel an der Existenz der VSELs aufkommen lässt. Sorgfältig folgten die Forscher der amerikanischen Stanford-Universität dem veröffentlichten Protokoll für die Isolierung der VSEL – doch die versprochenen pluripotenten Stammzellen waren nirgends zu finden.

Weissman steht mit seiner Analyse nicht alleine, er war noch nicht einmal der erste. Insgesamt vier unabhängige Forschergruppen sind daran gescheitert, die Entdeckung der VSEL zu reproduzieren. Dazu gehören auch Forscher des deutschen Unternehmens Vita 34 (einer privaten Nabelschnurbank) und ein ehemaliger Mitstreiter von Ratajczak.

Doch Ratajczak ficht das nicht an. Er arbeitet inzwischen an der Universität Stettin und hat 10 Millionen Euro von der EU eingeworben, um seine Stammzelltherapie voran zu treiben. Sein Argument: Keiner der Mitarbeiter Weissmans hat je sein Labor besucht und die richtige Methode erlernt – sie sind einfach unfähig, die richtigen Zellen zu finden.

Weissman wehrt sich mit dem Hinweis auf gute wissenschaftliche Praxis: Ein Experiment muss so gut protokolliert werden, dass es für jeden auf der Welt nachvollziehbar ist. Und eine Entdeckung, die nicht universell reproduziert werden kann, genügt nicht den wissenschaftlichen Standards.

Für die katholische Kirche könnte das peinlich werden. Die Unterstützung von NeoStem war Teil einer PR-Offensive, die den Vatikan von seinem fortschrittsfeindlichen Image befreien sollte. Wenn sich die so großzügig geförderte VSELTM Technology als Hirngespinst erweist, wird auch die Reputation von Rom darunter leiden.

Weissman hatte schon zuvor seltsame Erfahrungen mit dem Vatikan. Die katholische Stiftung, die NeoStem unterstützte, veranstaltet auch regelmäßig Kongresse zu adulten Stammzellen (ein weiterer Teil der katholischen PR-Offensive). Bereits im letzten Jahr präsentierte Weissman dort seine VSEL-Ergebnisse – und wurde von den römischen Würdenträgern ignoriert. Der Vatikan interessiert sich offenkundig nur für Wissenschaft, wenn diese seine religiösen Weltanschauungen bestätigt.

Miyanishi et al., Stem Cell Reports 2013: Do Pluripotent Stem Cells Exist in Adult Mice as Very Small Embryonic Stem Cells?

A. Abbot, Nature 2013: Doubt cast over tiny stem cells

Dazu auf wissensschau.de
Embryonale Stammzellen: Was sagt die katholische Kirche

1 Gedanke zu „Vatikan fördert Stammzellen, die vermutlich nicht existieren“

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