12. Mrz 2016

Wer finanziert die synthetische Biologie?

Die DARPA half dem Internet aus den Kinderschuhen – nun wendet sie sich der synthetischen Biologie zu. Die Aussicht auf Gewinne lockt auch Investoren aus dem Silicon Valley an, denen die großen Utopien jedoch herzlich egal sind.

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Geld aus öffentlichen Mittel steigt an, und die DARPA engagiert sich am stärksten. Abb.: MindTheGraph

Die synthetische Biologie wird eine Revolution auslösen – so heißt es seit Jahren. Doch konkrete Erfolge sind bislang Mangelware, oder besser gesagt: Sie werden dem Hype nicht ansatzweise gerecht. Wie geht die Entwicklung weiter? Geld könnte die Richtung vorgeben.

Der Markt für die synthetische Biologie ist klein, und so muss sie ihren Finanzbedarf aus zwei Quellen decken – öffentliche Forschungsgelder und privates Risikokapital. Um es vorwegzunehmen: Beide verfolgen Ziele, die unterschiedlicher kaum sein könnten.

Die öffentliche Hand – gerne gereicht vom Militär

Das US-amerikanische Wilson Center hat kürzlich einen umfangreichen Bericht vorgelegt, in dem die öffentlichen Gelder aufgelistet werden. An vorderster Front findet sich ein alter Bekannter – die DARPA. Berühmt, weil sie untrennbar mit Internet und GPS verbunden ist. Berüchtigt, weil die Mittel vom amerikanischen Militär stammen.

820 Millionen US-Dollar investierte der amerikanische Staat bislang in die synthetische Biologie, Tendenz steigend. Noch 2008 waren es nur etwa 10 Millionen US-Dollar jährlich, 2014 wurde dann schon die Grenze von 200 Millionen überschritten – über die Hälfte davon aus den Kassen der DARPA. Damit investierte allein die DARPA mehr Geld als die Europäischen Union und Großbritannien zusammen.

Doch wen jetzt die Angst vor neuen biologischen Vernichtungswaffen überfällt, der kann sich beruhigen. Die DARPA ist zwar eine Organisation des Militärs und handelt in deren Interesse. Aber sie lässt sich auch nicht auf diese Dimension reduzieren – dazu denkt sie viel zu weit voraus (wen das interessiert, sollte unbedingt hier nachlesen). Die DARPA fördert alles, was in Zukunft von Bedeutung sein könnte, und bevor offenkundig wird, ob der Nutzen eher militärisch oder zivil sein wird. Siehe Internet und GPS.

Chancen ja, Risiken nein

Und auch bei der synthetischen Biologie konzentriert sich die Förderung auf die Grundlagenforschung. Die DARPA hat dabei große Ziele vor Augen: Die Erzeugung nicht einzelner, sondern ganzer Konsortien von modifizierten Organismen. Die Beschleunigung der medizinischen Diagnostik und Entwicklung neuer Therapien. Die Suche nach radikal neuen Materialien.

Alles Technologien mit großen Chancen – aber auch Risiken. Für deren Erforschung interessieren sich aber weder DARPA noch andere Geldgeber. Gerade einmal 10 Millionen US-Dollar – also etwa 1 % der öffentlichen Fördermittel – wurden seit 2006 für die Analyse der Risiken und ethischen Implikationen bereitgestellt. Zum Vergleich: Beim Human-Genom-Projekt lag dieser Anteil noch bei 5 %. Mögliche Probleme werden diesmal anscheinend ignoriert.
Angesicht des offenkundigen Misstrauens, das die Öffentlichkeit der synthetischen Biologie entgegenbringt, ist das sicher keine kluge Strategie. Aus dem Desaster mit der Gentechnologie hat man – allen Lippenbekenntnissen zum Trotz – wohl noch immer nichts gelernt.

Bei Investoren sitzt das Geld lockerer…

Damit nun zu den privaten Investoren, deren Fonds in den USA über Milliarden verfügen. Diese hielten sich lange zurück, fürchteten wohl die Unwägbarkeiten und ungewissen Aussichten der synthetischen Biologie. Aber nun scheint sich eine Trendwende abzuzeichnen.

Allein im Jahr 2015 flossen 560 Millionen US-Dollar in die synthetische Biologie – doppelt so viel wie aus öffentlichen Kassen. Und zumindest als Symbol bedeutsam: Ein guter Teil des Geldes stammte aus dem Silicon Valley, das schon Apple, Google und Co an die Spitze gebracht hat.

…aber der Ehrgeiz bleibt gering

227 Millionen Dollar davon landetet allerdings bei CRISPR-Firmen – was die mit synthetischer Biologie am Hut haben sollen, ist mir nicht so ganz klar. Aber auch andere Bereich wurden plötzlich attraktiv für Investoren. Einer der Gründe: Viele Firmen ziehen sich auf Spezialgebiete zurück. Riskante Projekte zu neuartigen Medikamenten oder alternativen Treibstoffen weichen zunehmend bodenständigen Produkten. Mit Fasern, Geschmacksstoffen und Enzymen für industrielle Prozesse wird jetzt endlich Geld verdient.

Das Wilson Center hat eine Liste dieser Produkte zusammengestellt, und sie ist so ziemlich genau das Gegenteil von spektakulär: Über hundert Einträge finden sich dort, aber nichts passt zu der Vorstellung von revolutionären Durchbrüchen, die man sich oft von der synthetischen Biologie erhofft. Wer Utopien will, muss sich an die DARPA halten.

Baut sich da eine Arbeitsteilung auf? Die DARPA finanziert die hochfliegenden Träume, während die Investoren die niedrig hängenden Früchte einsammeln. Und da das Geld eher auf Seiten der Investoren sitzt, ist die Richtung erstmal vorgezeichnet: Wir werden uns daran gewöhnen müssen, dass die synthetische Biologie auch ein Alltagsgesicht hat.

Mehr dazu auf wissensschau.de:

Synthetische Biologie – das Leben als Rohstoff

Quellen:
Wilson Center 2015: U.S. Trends in Synthetic Biology Research Funding

E. Hayden, Nature 2015, Tech investors bet on synthetic biology

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